Es passiert im Schatten der Bäume, oft wenn es dämmrig wird. Fünf bis acht Jugendliche kommen in einem Park in Zürich (Schweiz) zusammen. Sie tragen Masken und künstliche Schwänze. Und sie gehen auf alle vieren.
Was für Spaziergänger wie ein bizarres Schauspiel wirkt, ist für den 13-jährigen Leon (Name geändert) bitterer Ernst – und sein persönlicher Weg, in einer in seinen Augen feindseligen Welt zu überleben. Er ist ein sogenannter Therian.
Neuer TikTok-Trend: Therians und Quadrobics
Seit vier Monaten bewegt sich Leon auf vier "Pfoten" durch die Stadt. „Quadrobics“ nennt die Szene diese Fortbewegung. Über TikTok ist er in diese verborgene Welt abgetaucht, organisiert wird sich streng über private WhatsApp-Gruppen. Das hat einen triftigen Grund: Die Öffentlichkeit ist gefährlich geworden.
Der Trend, der auf Social Media explodiert, hat eine dunkle Kehrseite. Die Sichtbarkeit zieht nicht nur Gleichgesinnte an, sondern auch jene, die den Jugendlichen schaden wollen.
Gezielte Hetzjagden und fliegende Steine
Leon weiß, wie schnell die Situation eskalieren kann. Einmal war er in seinem „Gear“ – Maske und Schwanz – unterwegs, als plötzlich Gegenstände nach ihm geworfen wurden. Außerdem hagelte es Beschimpfungen. Leon gibt sich im Interview mit nzz.de stark: „Das prallt an mir ab. Ich weiß, dass ich mehr wert bin.“
Doch die Bedrohungslage wächst. Die Community ist in Alarmbereitschaft. Immer wieder kursieren im Netz Einladungen zu sogenannten Fake-Treffen. Die perfide Masche: Therians werden unter falschen Vorgaben an abgelegene Orte gelockt, um sie dort gezielt anzugreifen und vorzuführen.
Leon postet deshalb niemals Videos von sich. Die Angst, dass Klassenkameraden sein Geheimnis entdecken, ist sein ständiger Begleiter.
„Ich identifiziere mich als Katze“
Während Leon die Maske als Hobby und Schutzschild für das Gefühl von Zugehörigkeit nutzt, geht die Realität für die 13-jährige Anoti (Name geändert) aus dem schweizerischen St. Gallen noch tiefer. „Ich identifiziere mich als Katze“, sagt sie. Für sie ist das Ganze kein Spiel und auch keine Phase.
Seit sie sieben Jahre alt ist, bastelt sie Masken und läuft auf allen vieren. Sobald die Maske ihr Gesicht verdeckt, fühlt sie sich „besonders tierisch“. Im Alltag bleibt sie Mensch, in ihrer Freizeit verschmilzt sie mit ihrer Raubkatzen-Identität.
Ihre Mutter beobachtet die Metamorphose ihrer Tochter mit einer Mischung aus stiller Akzeptanz und wachsender Sorge. Nicht wegen des Verhaltens ihres Kindes – „ich habe es als etwas Normales verstanden“, sagt sie –, sondern wegen der Welt da draußen. „Ich habe Angst, dass andere ihr schaden.“
Eltern in großer Sorge
Ihre Angst ist berechtigt. Für Anoti ist das Schulgebäude längst zu einem feindlichen Terrain geworden. Ausgelacht wegen ihrer TikTok-Videos, begleitet von Rufen wie „Du Scheiss-Therian“, ist jeder Morgen ein Spießrutenlauf. Sie geht oft mit einem mulmigen Gefühl in den Unterricht. Die Frage, die sie jeden Tag quält: Wird heute wieder etwas passieren?
Am Ende suchen Jugendliche wie Leon und Anoti hinter ihren Masken nicht nach Provokation, sondern nach dem, was ihnen im Alltag oft verwehrt bleibt: einem Rudel, das sie beschützt. „Es hilft mir zu wissen, dass ich nicht alleine bin“, sagt Leon.