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Was steckt hinter der krankhaften Tiersammelsucht mancher Menschen?

Mehrere Katzen in einer Wohnung advice
© Aspca

Animal Hoarding bezeichnet krankhaftes Sammeln von Tieren von sogenannten Animal Hoardern, die an psychischen Störungen leiden. Dabei wird ein Krankheitsbild beschrieben, bei dem viele Tiere in der Wohnung gehalten werden, diese aber nicht mehr angemessen versorgt werden. Den Tieren fehlt Futter, Wasser und Pflege. Der Hygienezustand ist meist miserabel, tierärztliche Besuche fehlen gänzlich. Der Halter ist nicht in der Lage zu erkennen, dass die Tiere in seiner Obhut leiden und es ihnen schlecht geht. Die Krankheit ist noch nicht sehr bekannt. In einem Fall von Animal Hoarding brauchen allerdings nicht nur die Tiere dringend Hilfe, sondern der Menschen ebenso nötig.

von Carina Petermann

Animal Hoarding erkennen

Der Deutsche Tierschutzbund hat sich mit Amtstierärzten und Psychologen zusammengetan und eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Sie möchten alle umfassend informieren, die sich mit dem Krankheitsbild beruflich auseinandersetzen müssen. Dazu gehören Amtstierärzte, Tierheimmitarbeiter, Staatsanwälte sowie Mitarbeiter im sozialpsychologischen Dienst. Es gibt eine Checkliste anhand derer beurteilt werden kann, ob es sich um einen echten Fall von Animal Hoarding handelt. Folgende drei Kriterien müssen erfüllt sein, um festzustellen, dass es sich um einen beginnenden Fall von Tiersammeln handelt.

  • Die Anzahl der durchschnittlich gehaltenen Tiere übersteigt die üblicherweise durchschnittlich gehaltene Anzahl an Tierhaltung. Diese wird in Anlehnung an üblich gehaltene Tiere festgelegt. Das sind beispielsweise maximal drei Hunde, drei bis vier Katzen, maximal fünf Nagetiere.
  • Auf dem vorhandenen Platzangebot leben zu viele Tiere, ob in der Wohnung oder auf dem Gelände.
  • Von der Person gibt es keine Einsicht, dass es zu viele Tiere sind und zu wenig Platz zur Verfügung steht. Zudem gibt es kein Einsehen, dass es nötig ist, den Tierbestand zu reduzieren.

Anzeichen für Animal Hoarding

  • Die Unterbringung ist in einem bedenklich schlechten hygienischen Zustand, auf dem Boden ist Kot/Urin, Katzentoiletten, Käfige oder Zwinger sind mit Fäkalien verschmutzt, Weideflächen sind überweidet und verschlammt.
  • Die Tiere haben kein oder nur unsauberes Wasser zu trinken und sind unterernährt.
  • Obwohl die Tiere krank sind oder gesundheitliche Beschwerden haben, erfolgt keine nachweislich ausreichende Behandlung durch einen Tierarzt. Die Tiere werden nicht geimpft oder entwurmt, sie haben einen bedenklichen Pflegezustand. Das Fell ist verkotet und/oder verfilzt, die Ohren sind entzündet, sie haben Zahnstein und Ungezieferbefall, Hufe und Klauen werden nicht gepflegt. Tiere werden nicht kastriert, wodurch es innerhalb einer Spezies zu unkontrollierter Vermehrung kommt. Teilweise sind zwischen den lebenden Tieren die Kadaver von toten Tieren zu finden.

Ist der Tierhalter krank?

  • Die Person hat aufgrund ihrer Lage kaum Sozialkontakte. Das Befinden und die sozialen Verpflichtungen behindern sie stark. Es herrscht meist Geldmangel.
  • Selbst durch ideales Wirtschaften kann die Person die finanziellen Belastungen nicht aus eigenen Einnahmen bestreiten durch die hohe Anzahl der Tiere.
  • Die Gesamtzahl der Tiere wird von der Person verheimlicht, ebenso wie die Umstände. Außenstehenden wird der Zutritt auf das Grundstück und der Kontakt zu den Tieren verwehrt.
  • Trotz zahlreicher und offensichtlicher Begründungen eines Veterinärs verweigert die Person die Weitervermittlung der Tiere.
  • Von der Person werden weiter aktiv Tiere gesammelt. Oft kommen die aus dem Bereich Schlachthof, Tierschutz oder durch das Kaufen weiterer Tiere. Der individuelle Bezug zum Tier geht verloren.
  • Die Person entzieht sich durch einen Umzug mit den Tieren rechtlichen Schritten.
  • Obwohl es den Tieren offensichtlich schlecht geht, zeigt die Person kein Einsehen. Ebenso für die untragbaren hygienischen Zustände des Platzes. Die Tiere dürfen weder kastriert, um die unkontrollierte Vermehrung einzudämmen, noch eingeschläfert werden, obwohl sie schwer krank sind und leiden.

Fall Wadern: Über 140 Tiere gefunden

Ein schlimmer Fall von Animal Hoarding ist in Wadern im September 2018 beendet worden (Wamiz berichtete). Zwei Brüder hatten in ihrem Haus über 140 Tiere gesammelt. Dabei waren Hunde, Pferde, Kängurus, ein Lama, Papageien und eine Boa Constrictor. Als die Polizei die beiden Brüder festnehmen wollte, leisteten diese heftigen Widerstand. Ein Polizist musste sogar mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden.

Mehrere Fälle in Bayern im Jahr 2015

Wie München TV im Januar 2016 berichtete, kam es zu mehreren schlimmen Fällen von Animal Hoarding: Die geretteten Tiere aus den Fällen wurden vom Münchner Tierheim aufgenommen, aufgepäppelt und suchen ein neues Zuhause. Teilweise waren sie allerdings in so schlechtem Zustand, dass auch welche eingeschläfert werden mussten. Darunter waren 63 Meerschweinchen, die in einer Badewanne leben mussten, und das mit toten Meerschweinchen zwischen ihnen.

Fall Niederbayern: Ein Grauen für die Helfer

Der Münchner Merkur berichtete im Juni 2018 über einen grauenhaften Fall von Animal Hoarding in Niederbayern.

Bei diesem Fall waren Fälle dabei, die sogar erfahrene Tierschützer für unmöglich gehalten hätten. Die Münchner Reptilienauffangstation übernahm Ende Mai aus der Rettungsaktion 25 lebende Reptilien, eine Vogelspinne und etliche Papageienvögel. 32 Reptilien, unzählige Vögel und jeweils drei Frösche und Vogelspinnen hatten in dem Haus nicht überlebt. Ihnen konnte nicht mehr geholfen werden. Der Halter hatte in einem Raum „ca. 80 Terrarien und Vogelkäfige in verschiedensten Stadien des Verfalls“ wie die Helfer berichteten. Die Tiere können sich in der Reptilienauffangstation langsam von ihrem Schrecken erholen. Für viele von den Geretteten war es Hilfe in der letzten Sekunde.

Nicht wegschauen!

Wer den Verdacht hegt, dass es sich in einem Fall um Animal Hoarding handeln könnte, sollte den Amtstierarzt benachrichtigen. Natürlich ist nicht jeder Mensch, der mehrere Tiere hat, gleich ein Tiersammler. Sollten aber einige der Kriterien zutreffen, ist es wichtig, helfend einzuschreiten. Sowohl, um dem Menschen zu helfen, als auch den Tieren.