Es gibt Momente im Leben, die kein Drehbuchautor glaubwürdiger hätte schreiben können. Claudia H. steht gerade am Flughafen Frankfurt. Die Stimmung ist eine Mischung aus Vorfreude und Nervosität. Die Frau aus Sprendlingen ist hier, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen: Sie holt eine neue Tierschutz-Katze ab.
Sie hat abgeschlossen, losgelassen, ist bereit für ein neues Tier. Doch genau in dieser Sekunde, während sie auf die Ankunftbox wartet, vibriert ihr Smartphone. Ein Blick auf das Display lässt ihr den Atem stocken. Es ist eine Nachricht, die einen „Cold Case“ wieder öffnet, der seit sechs Jahren als aussichtslos galt.
Agata: Spurlos verschwunden seit 2019
Rückblende: Wir schreiben das Jahr 2019. Die Katze Agata, eine scheue Spanierin, ist damals erst drei Wochen bei Claudia H. in Sprendlingen, als sie entläuft. Tausende Suchplakate, Facebook-Aufrufe, schlaflose Nächte – alles vergebens. Agata ist wie vom Erdboden verschluckt. Sechs Jahre lang!
Doch nun, am Flughafen, sieht Claudia H. dieses Foto auf ihrem Handy, gepostet von einer Tierschützerin. Der Fundort: ein Parkplatz zwischen Einkaufswagen beim einem großen Möbelhaus. Auf dem Bild: eine kauernde schwarz-weiße Katze, sichtlich verängstigt. Das entscheidende Indiz, das jeden Zweifel ausräumt: ein Teil des Schwanzes fehlt bei der Samtpfote...
„Das könnte meine Agata sein“, tippt Claudia H. mit zitternden Fingern unter den Post. Das Timing des Schicksals ist fast unheimlich.
Die Jagd beginnt
Während Claudia H. ihre neue Katze in Empfang nimmt, formiert sich in Sprendlingen ein Einsatzkommando. Dreieicher Tierschützer rücken aus. Die Bedingungen sind hart, aber perfekt für die Spurensicherung: Es liegt Schnee. Wie Detektive lesen die Helfer die Pfotenabdrücke im frischen Weiß und haben Glück. Sie finden den Rückzugsort der Überlebenskünstlerin!
Sechs Nächte lang legen sie sich auf die Lauer. Sie richten Futterstellen ein, beobachten aus der Dunkelheit. Es ist ein Geduldsspiel gegen die Kälte. Dann, in der sechsten Nacht, schnappt die Falle zu. Der Zugriff ist erfolgreich.
Das ungelöste Rätsel
Der Chip-Scan im Tierheim bestätigt, was Claudia H. schon wusste: Es ist Agata. Nach über 2.000 Tagen auf der Straße – oder in einem fremden Haus? – ist sie wieder da. Ihr Zustand wirft Fragen auf. War sie wirklich sechs Jahre lang obdachlos? Oder hat sie jemand aufgenommen und einfach nicht gemeldet? Das Mysterium ihrer Abwesenheit wird sie wohl für immer für sich behalten.
Das Ende dieser Geschichte ist so bittersüß wie das Leben selbst. Agata kann nicht zurück zu Claudia H. – ihr Platz wurde ausgerechnet exakt am Tag ihrer Rettung neu besetzt.
Doch die alte Katzen-Dame hat ihren Frieden gefunden: Die 14-jährige Samtpfote lebt nun auf einer liebevollen Pflegestelle in Bad Camberg. Und Claudia H. weiß: Wunder passieren genau dann, wenn man am wenigsten mit ihnen rechnet.