Es ist still im Friedwald in Münsingen (Schwäbische Alb). Die Bäume stehen wie stumme Zeugen zwischen den Ruhestätten. Wenn Richard T. morgens hierherkommt, ist er meist allein mit seinen Gedanken. Er ist auf dem Weg zum Grab seiner Frau.
Doch an diesem Morgen spürt er, dass er beobachtet wird. Er ist nicht allein. Jemand heftet sich an seine Fersen – lautlos, beharrlich, direkt in seinen Spuren.
Der Schatten im Schnee
Wer dem Mann auf seinem Weg durch den Schnee folgt, führt nichts Böses im Schilde. Im Gegenteil. Es ist eine Verfolgung, die nicht aus Bedrohung geschieht, sondern aus purer Empathie.
Sobald der Witwer an der letzten Ruhestätte seiner Frau stehenbleibt, ist der „Verfolger“ da. Es ist Jerry. Ein Kater, der genau spürt, wann er gebraucht wird. „Jeden Morgen läuft Jerry hinter mir – wenn viel Schnee liegt, lustigerweise in meinen Spuren“, berichtet Richard T. im Gespräch mit dem SWR.
Am Grab setzt sich das Tier einfach daneben. Die Samtpfote wartet geduldig und schnurrt gegen die Stille an. Jerry bleibt so lange, bis der Witwer wieder geht. Ein Moment, der Gänsehaut verursacht – nicht vor Angst, sondern vor Rührung.
Die neuen „Wächter“ des Waldes
Jerry und sein Bruder Tom sind keine gewöhnlichen Streuner. Ihre Anwesenheit im Friedwald ist das Ergebnis eines wohlüberlegten Plans, fast schon eines Experiments. Ursprünglich stammten die „Tigerle“ von der Tochter des Witwers. Als diese umzog, hatte Richard T. die rettende Idee: eine Umsiedlung der Samtpfoten in den Wald.
Doch der Plan war riskant. Friedwald-Förster Martin Sch. hatte Bedenken. Kann man Hauskatzen einfach in eine Waldhütte setzen? Würden sie weglaufen? Vier Wochen lang wurden sie in der Hütte „festgesetzt“, versorgt von einer Gemeinschaft aus Helfern.
Ausbildung zum Seelsorger
Das Experiment glückte. Tom und Jerry blieben. Mehr noch: Sie haben von sich aus eine Aufgabe übernommen, die kein Mensch so erfüllen könnte. Offiziell werden sie als „Azubis zu Hilfsförstern“ geführt. In Wahrheit sind sie Seelsorger auf vier Pfoten.
Besonders Jerry scheint einen sechsten Sinn für gebrochene Herzen zu haben. Er begleitet Familien zu Trauerfeiern, klettert auf den Schoß von Weinenden auf der Veranda der Hütte. Er urteilt nicht, er tröstet einfach. Für Richard T. und viele andere Trauernde sind die beiden Kater inzwischen weit mehr als nur Tiere – sie sind der Beweis, dass man auch an den traurigsten Orten der Welt nicht ganz allein ist.