Am 18. Januar 2026 herrscht Frost, der bis in die Knochen zieht. Im Soester Stadtpark sind die Wege menschenleer. Doch die Stille an diesem Morgen trügt. Hinter einem Baum wartet ein stummes Opfer auf seinen Tod oder seine Rettung.
Was ein Passant hier entdeckt, zeigt, dass die seelische Kälte mancher Menschen die aktuell herrschenden Außentemperaturen weit übertrifft.
Abgestellt wie Sperrmüll
Dort im Stadtpark in Soest, festgebunden an einen Baumstamm, sitzt „Kaido“. Die Continental Bulldogge zittert. Doch das Schlimmste ist nicht die Kälte, sondern das, was der Rüde um den Hals trägt.
Es baumelt ein Pappschild an ihm. Ein Stück Karton, hastig beschriftet, das den Hund zur Ware degradiert. Wie ein altes Möbelstück, das an die Straße gestellt wird, wird Kaido hier „zur freien Mitnahme“ angeboten. Auf dem Schild steht auch eine Warnung: Der Hund sei aggressiv.
Eine Lüge, wie sich später herausstellen wird. Eine Schutzbehauptung des Täters, um das eigene Gewissen zu beruhigen? „Wer sein Tier so aussetzt, der macht sich um die Kälte und die Konsequenzen wahrscheinlich keine Gedanken“, urteilt Birgit Oberg, Leiterin des Tierheims Soest, fassungslos im BILD-Interview.
Das Netz jagt den Täter
Zum Glück wird der arme Kaido noch rechtzeitig gefunden. Er kommt ins Tierheim, doch die Geschichte endet hier nicht. Sie fängt erst an. Die Tierschützer veröffentlichen den Fall auf Facebook – und lösen eine Lawine aus. Binnen weniger Stunden gehen über 170 Hinweise ein. Die User werden zu Ermittlern.
Stück für Stück kann Kaidos Leidensweg rekonstruiert werden. Er wurde herumgereicht wie ein Wanderpokal: Ursprünglich aus Bergkamen kommend, wird er weiterverkauft nach Hamm und landet schließlich in Soest. Und das ist noch nicht alles, was die Tierschützer inzwischen in Erfahrung bringen konnten.
Das wahre Motiv: Ein Baby
Das Tierheim kennt auch den Namen des letzten Halters. Und mit dem Namen kommt die ganze, bittere Wahrheit ans Licht. Kaido ist nicht aggressiv, er war einfach nur im Weg.
Die Familie hatte Zuwachs durch ein Baby bekommen. Statt Verantwortung zu übernehmen, entschied man sich für die feigste aller Lösungen: den Hund im Park anbinden und seinem Schicksal überlassen.
Die Quittung: 25.000 Euro
Doch diese Herzlosigkeit hat ihren Preis. Der Halter ist identifiziert, die Beweislast erdrückend. Ihm droht nun ein Bußgeld von bis zu 25.000 Euro wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz.
Während dem Ex-Herrchen nun Post vom Amt droht, wartet Kaido auf echte Gerechtigkeit: ein Zuhause, in dem er kein Möbelstück ist, sondern ein geliebtes Familienmitglied.