Es ist Dämmerung in Bad Orb (Hessen). Entlang der Kleinbahn-Gleise im beschaulichen Spessart raschelt es im hohen Gras. Im Zwielicht blitzen dutzende Augenpaare auf, Schatten huschen lautlos über die Schottersteine. Und plötzlich sind sie da und bevölkern die Schienen: zahllose Katzen!
Was auf den ersten Blick wie ein romantisches Naturschauspiel wirkt, ist in Wahrheit der Schauplatz eines dramatischen Konflikts, der völlig außer Kontrolle gerät. Die Bahnstrecke ist schon länger stillgelegt, aber es tobt ein stiller Kampf zwischen verzweifelten Tierschützern und einer fehlgeleiteten Liebe mit katastrophalen Folgen.
Die „Katzenkolonie“ von Bad Orb
Der Grund für die riesige, verwilderte Katzenkolonie an den Gleisen ist so simpel wie verheerend: Immer wieder taucht jemand auf und verteilt massenhaft Nahrung. Teilweise werden bis zu zwei Kilogramm Futter auf einmal an den Schienen ausgekippt!
Aus einzelnen, hungrigen Streunern ist durch dieses ständige Überangebot längst eine gigantische Gruppe geworden – und mit dem Futter kommen auch Waschbären, Füchse und Ratten aus der Dunkelheit.
Mehrere Tierschutzvereine kämpfen seit Jahren gegen diese explosive Situation an. Ihr Ziel: Die Tiere mit Lebendfallen sichern, medizinisch versorgen und kastrieren, um das drohende Leid einer ungebremsten Vermehrung zu stoppen. 18 Tiere konnten seit Ende Januar bereits gerettet werden. Doch nun stehen die Helfer vor einer Wand.
Katzenrettung wird torpediert
Die Rettungsversuche der Freiwilligen werden im Verborgenen systematisch zunichtegemacht. Aufgestellte Fallen werden heimlich manipuliert oder einfach zugeklappt. Die massiven Futterberge tun ihr Übriges: Die Katzen haben schlichtweg keinen Hunger mehr und lassen die mit Leckereien bestückten Rettungsfallen einfach links liegen.
Die Folgen für die Tiere sind erschütternd. Die Tierschützer schlagen Alarm: Die wenigen Katzen, die sie bisher fangen konnten, brachten im Schnitt das doppelte (!) Gewicht einer normalen Katze auf die Waage. Eine massive Fettleibigkeit, die die Organe der Tiere schleichend zerstört.
Durch das dichte Zusammenleben droht zudem jederzeit der Ausbruch tödlicher Seuchen. Doch weil die Fangaktionen blockiert werden und das Frühjahr viele Katzen bereits wieder trächtig gemacht hat, mussten die lebensrettenden Kastrationen nun bis zum Herbst auf Eis gelegt werden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, den die Helfer gerade verlieren.
Ein Krieg unter Tierfreunden
Als der Verein „Tier- und Naturschutz Unterer Vogelsberg e.V.“ am 8. April 2026 die dramatische Situation auf Facebook öffentlich macht, explodiert die Stimmung. Innerhalb von nur einem Tag fluten hunderte hitzige Kommentare die Seite. Ein beispielloser Shitstorm bricht los.
Während die einen fassungslos über die heimlichen Aktionen an den Gleisen sind („In manchen Kommentaren liest man heraus, dass viele keine Ahnung von gezielten Fangaktionen haben“), schießen andere hart gegen die Tierschützer: „Nicht füttern bedeutet also, sie sterben und alle sind glücklich?“, schreibt ein wütender User.
Eine andere Stimme verteidigt die anonymen Fütterungen sogar vehement: „Dass Tiere hungern müssen, ist so traurig. Sie kümmert sich wenigstens.“
Das Drama von Bad Orb zeigt auf bittere Weise: Manchmal ist die Grenze zwischen aufopferungsvoller Fürsorge und unbewusster Tierquälerei so schmal wie ein eiserner Schienenstrang...