Zehn Jahre ist es her, dass der Krebs in seinem Fall das letzte Wort hatte: Am 18. März 2016 verlor Guido Westerwelle nach langem Kampf gegen die Leukämie sein Leben. Die Nation kannte ihn als lauten Provokateur, als streitbaren Vizekanzler und höchsten Diplomaten.
Doch hinter der Fassade der Macht, fernab der Kameras und Koalitionskriege, verbarg er ein leises, schmerzhaftes Geheimnis. Ein Opfer, das die Maschinerie der Politik stillschweigend von ihm einforderte.
Westerwelle: Verzicht für die Macht
Westerwelles Leben auf der politischen Bühne war ein Leben auf der Überholspur. Allein in seiner Anfangszeit als Außenminister absolvierte er 70 Auslandsreisen. Es war eine Existenz über den Wolken, isoliert in gepanzerten Limousinen und sterilen Konferenzräumen.
Er war misstrauisch, kontrollierend, umgeben von Beamten, die jeden seiner Schritte argwöhnisch beobachteten. Wer in dieser eiskalten Welt an der Spitze überleben will, muss alles andere zurücklassen. Die Politik duldet keine Kompromisse – und sie verlangte insbesondere von Guido Westerwelle einen gnadenlosen Tribut.
Der Moment, in dem die Maske fiel
Es ist der 7. August 2012, auf einer sonnenüberfluteten Terrasse am Obersalzberg. Ein Interviewtermin, der eigentlich nach den strengen Regeln der Berliner PR-Maschinerie ablaufen soll. Doch dann bricht etwas Unkontrollierbares in die inszenierte Szenerie ein.
Ein fremder Schäferhund namens Fritz nähert sich dem Tisch. Sein Frauchen ruft laut nach ihm, doch der Hund reagiert nicht. Er scheint instinktiv zu spüren, wo er willkommen ist, und bleibt unbeeindruckt beim damaligen deutschen Außenminister Guido Westerwelle sitzen.
In diesem einen, flüchtigen Moment bröckelt die harte Hülle des Diplomaten. Der Mann, der gerade noch über abstrakte Werte und Heimat philosophierte, offenbart eine tiefe, persönliche Lücke in seinem Leben.
Ein stiller Verzicht
Westerwelle blickt auf den Hund und macht ein bitteres Geständnis: „Ich mag Hunde sehr, früher hatte ich selbst mal zwei Schäferhunde.“ Doch für die Karriere, für die Macht und das ewige Rampenlicht musste er die vierbeinigen Freunde aufgeben.
Nüchtern und doch wehmütig fügt er hinzu: „Heute fehlt mir für Haustiere leider die Zeit – im Flieger kann ich sie ja schlecht mitnehmen.“
Es ist das Eingeständnis eines Verzichts, dessen Tragweite nur Tierfreunde wirklich begreifen können. Für das Auswärtige Amt zahlte Guido Westerwelle den höchsten Preis seiner persönlichen Freiheit: ein Leben ohne einen Hund an seiner Seite.
Oder hat er doch noch...?
Höchstwahrscheinlich blieb dieser tiefe Wunsch auch danach noch unerfüllt, bis er vier Jahre später an Leukämie starb. Wobei es durchaus Filmmaterial gibt, das Westerwelle bei einem Spaziergang mit einem weißen Hund mit schwarzen Flecken an seiner Seite zeigt. Es ist ihm zu wünschen, dass er sich seinen größten Wunsch zuletzt doch noch einmal erfüllen konnte – wenigstens für die kurze Zeit, die ihm noch blieb.
Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Spitzenpolitiker, der die Welt eroberte – und dabei genau das zurücklassen musste, was ihm vielleicht den meisten Halt gegeben hätte.
