Er taucht auf wie ein Schatten am Straßenrand, huscht durch Vorgärten und verschwindet wieder zwischen den Dörfern: Tagelang hält ein hochgewachsener, etwa zwei Jahre alter Kangal-Mischling die Region zwischen der Mecklenburgischen Seenplatte und Vorpommern-Greifswald in Atem.
Denn den gewaltigen Rüden aus der Ferne sieht, erhascht einen Anblick, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt!
Schnauze extra zugeschnürt?
Der Fang des Tieres ist mit einem dunklen Band so fest verschlossen, dass er das Maul kaum einen Zentimeter weit öffnen kann. Trinken ist fast unmöglich, Fressen eine qualvolle Tortur. Das Tier irrt getrieben durch die Kälte – misstrauisch, extrem scheu und in ständiger Alarmbereitschaft!
Für die Tierschützer aus Altentreptow beginnt ein nervenaufreibender Einsatz. Doch während sie alles daransetzen, den verängstigten Rüden einzufangen, entwickelt sich die Situation in eine Richtung, die sie schließlich öffentlich auf die Barrikaden bringt.
Fataler Schneeball-Effekt im Netz
Seit Mittwoch (4. November 2026) tauchen Fotos des Hundes in den sozialen Netzwerken auf. Immer mehr Menschen erfahren von seinem Schicksal. Die Hilfsbereitschaft ist groß. Doch genau das wird zum Problem!
Aus Demmin und dem gesamten Umland strömen Menschen herbei, um den verletzten Hund auf eigene Faust zu sichern. Doch statt zu helfen, scheuchen die selbsternannten Retter das ohnehin traumatisierte Tier immer wieder auf.
Jede mühsam aufgebaute Futterspur wird zertrampelt, jedes vorsichtige Vertrauen, das die erfahrenen Tierschützer des Vereins Altentreptow über Stunden aufbauen, wird binnen Sekunden wieder zerstört. Der Hund gerät in Panik und flüchtet immer weiter in unwegsames Gelände.
Den Profis bleibt schließlich nur ein beispielloser Schritt: Sie verhängen eine strikte Nachrichtensperre. Um das Leben des Hundes nicht vollends zu gefährden, ziehen sie sich komplett aus der Öffentlichkeit zurück und lassen keine Informationen mehr nach außen dringen.
Nur so ist es am Ende möglich, das Tier unbemerkt von der Öffentlichkeit auf einem umzäunten Areal bei Hohenbüssow festzusetzen.
Zugriff im Morgengrauen
Am Freitagmorgen (6. November) folgt endlich die erlösende Nachricht: Kurz nach Sonnenaufgang gelingt es den Helfern, den Hund zu sichern. Doch die Erleichterung wird von deutlicher Wut begleitet.
„Leuten, die jahrelange Erfahrung im Sichern und im Umgang mit verschiedensten Hundetypen haben, wird die Kompetenz aberklärt“, kritisiert der Verein auf Facebook.
Die gut gemeinten Eigenaktionen hätten die Arbeit massiv behindert. „Für den Hund war das Stress pur und er hat sich immer weiter zurückgezogen“, erklären die Retter.
Die bittere Wahrheit in der Tierklinik
Direkt nach dem Zugriff ging es für den Rüden ohne Umwege in die Tierklinik nach Demmin. Erst auf dem Behandlungstisch offenbarte sich das ganze Ausmaß der tagelangen Folter.
Entgegen den ersten Vermutungen im Netz war es kein böswillig angebrachter Kabelbinder, der das Maul zuschnürte. Das Band entpuppte sich als der Überrest eines viel zu engen Erziehungshalfters (Halti). Es saß so stramm, dass das Material bereits tief in das Fleisch der Schnauze eingewachsen war und die Haut regelrecht zerschnitten hatte.
Auch die tagelange Flucht ohne ausreichende Flüssigkeit hat ihren Tribut gefordert: Die Blutwerte des jungen Rüden sind besorgniserregend, insbesondere die Nieren zeigen schwere Mangelerscheinungen.
Aktuell hängt der Hund an Infusionen, um seinen Kreislauf zu stabilisieren. Die Ärzte gehen jedoch davon aus, dass er sich mit intensiver Betreuung wieder erholen wird.
Doch eine Frage bleibt offen: Wem gehört dieser Hund – und wie ist er in diese Lage geraten? Der Rüde ist gechippt. Der Tierschutzverein geht diesem Hinweis nun nach.