Eine der wenigen, die meiner Hündin Angst gemacht hat (und die ist eigentlich unerschütterlich), war eine Aussie-Hündin.
Alles ist relativ, und in diesem Fall gibt es viele Gründe dafür.
1. Er ist ein Hütehund, kein Schutzhund (obwohl das auch in seiner Aufgabenbeschreibung steht), sondern eher ein „Treiber“. Ein „tit boss“. Ups, sorry, das ist ein Ausdruck aus Quebec. Wie nennt ihr in Deutschland eigentlich einen Chef, der nur 1,50 Meter groß ist und den man gerne hasst, weil er so ein kleiner Giftzwerg ist? Na ja... bei uns heißt das „tit boss“. Es liegt ihm also in den Genen, bestimmt aufzutreten und die Initiative zu ergreifen.
2. Für seine Arbeit wurde er so gezüchtet, dass er instinktiv sein Maul benutzt, um zu warnen oder abzuschrecken. Ein Aussie zwickt seine Schafe, wenn es sein muss. Ich glaube, sie werden manchmal auch für Rinder eingesetzt. Da müssen sie ziemlich oft und fest zupacken. Und das müssen sie tun, während das Rind ordentlich Speed drauf hat. Das gibt einem eine Vorstellung davon, was für einen Charakter diese Hunde entwickeln können.
3. Ein Hund versteht im Allgemeinen nicht, er fühlt. Wenn seine Wahrnehmung also verzerrt ist, kommen diese Charaktereigenschaften natürlich im falschen Moment zum Vorschein – selbst in ganz banalen Situationen, in denen der Hund sich plötzlich dazu berufen fühlt, so zu reagieren. Weiß der Geier warum.
4. Die Besitzer dieser Hunde – genau wie viele Husky-, Border-Collie- oder Malinois-Halter – suchen sich diese Hunde oft für bestimmte Aktivitäten aus. Und grrr, ich sag’s nicht gerne und mag auch nicht, was ich da oft sehe, aber ich bin selbst ein großer Fan von Gruppenaktivitäten. Ich hab eigentlich immer irgendwo ein Abo laufen, außer ich hab gerade absolut keine Zeit.
Man will einen Hund, der nicht zu müde ist, damit er „edgy“ bleibt und sofort auf Kommandos reagiert. Du sagst „Sitz“ und bäm, er sitzt. Alles passiert sofort und mit voller Energie. Meine Trainerin, die ich sehr schätze (andere Mentalität, sie kennt mich mittlerweile besser), wollte mal, dass ich Sana schone, damit sie in ihren Stunden noch „edgy-er“ ist. Kam natürlich überhaupt nicht in Frage. In diesen Kursen ist Kontakt oft verboten. Die Trainer labern und labern und labern. Die Hunde haben Blickkontakt, riechen sich so halb, dürfen aber nicht richtig schnüffeln. Die verstehen nicht, warum keiner was macht, und alle stehen ungeduldig rum.
Das ist die typische Aussie-Kultur für Hundesport wie Freestyle, Agility oder ähnliches. Ansonsten holt man sich ihn wegen der Optik – die sind so hübsch, dass man am liebsten gleich zwei will.
Lass ihn das tun, wofür er gemacht wurde. 4 bis 5 Stunden Hütearbeit am Tag, dann ist er wahrscheinlich auch richtig ausgeglichen. Dann kann er wahrscheinlich auch zwischen flüchtenden Schafen und einer Frau mit Kinderwagen unterscheiden.