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Psychologe im Interview: Deshalb sind Hunde in der Pandemie so wichtig für uns!

Frau hält Kopf eines Hundes zwischen den Händen dog-serious
© Shutterstock

Wie geht es eigentlich unseren Hunden in der Coronakrise? Wie verändert sich die Bindung von Halter und Hund in der Pandemie? Und warum ist der aktuelle Haustier-Boom so riskant? Im Wamiz-Interview erklärt Prof. Dr. Frank Nestmann, Mitglied der Forschungsgruppe „Mensch-Tier-Beziehung” an der TU Dresden, warum wir unsere vierbeinigen Freunde nun mehr brauchen denn je.

von Nina Brandtner

Am 19.03.21, 11:00 veröffentlicht

Professor Nestmann, haben Sie selbst auch Hunde?

Nestmann: Ja, zwei Irische Wolfshunde.

Würden Sie sagen, sie helfen Ihnen durch die Pandemie?

Nestmann: Das kann ich so nicht beantworten, für jemanden im Ruhestand ist das nicht so dramatisch. Aber natürlich gehe ich gerne mit ihnen raus und freue mich tagtäglich an denen.

In einer Wamiz-Umfrage gaben 84% der Hundehalter an, die Anwesenheit ihrer Hunde habe ihnen in der Coronazeit geholfen. Warum können Hunde in so einer Ausnahmesituation eine Stütze sein?

Nestmann: Menschen sind soziale Wesen. Wenn man die Sozialität zurückfährt und Distanzgebote etabliert, dann bekommen andere soziale Lebewesen wie Hunde oder Haustiere generell eine noch stärkere Bedeutung.

Das gilt für Menschen, die alleine leben, besonders. Das ist eine der zentralen Funktionen von Hunden oder Haustieren: Sie sind sowas wie persönliche Begleiter im Leben. Zudem wissen wir aus vielen Studien, dass sie dazu beitragen, Kontakte zu anderen Menschen herzustellen.

Prof. Frank Nestmann ist Mitglied der Forschungsgruppe „Mensch-Tier-Beziehung” an der TU Dresden
© Nestmann

Können Hunde während der Kontaktbeschränkungen die Nähe zu anderen Menschen ersetzen?

Nestmann: Die Gesellschaft von Hunden hat im Vergleich zur Gesellschaft von Menschen andere Grenzen, aber auch andere Vorteile. Tiere fördern emotionales Wohlbefinden, weil sie unbedingte Zuwendung geben, ohne Wertung und Kritik. Also egal wie es uns geht, egal wie wir aussehen, sie geben Zuwendung und damit natürlich Bestätigung.

Haustiere sind für viele, gerade für Alleinlebende, auch Gesprächspartner. Sie bringen Trost, schützen vor Traurigkeit. Das ist ein wichtiger Punkt in der Coronazeit: Tiere lenken von permanenten Sorgen und Gerede über „Was ist”, „Was kommt?” und „Wie fürchterlich das alles ist” ab.

Denken Sie, Hundehalter kommen dadurch gesünder durch die Krise, physisch und psychisch?

Nestmann: Es gibt keine konkreten Ergebnisse dazu, ob Hundehalter gesünder durch die Krise kommen. Aber generell wissen wir: Menschen, die Haustiere haben, sind gesünder. Es gibt Studien, die nachweisen, dass Hundebesitzer niedrigere Stresslevel haben, bessere Herz-Kreislaufwerte und sich nach Herzerkrankungen besser und schneller erholen.

Wenn ein Mensch ein Tier versorgt, gibt es außerdem den positiven Caregiving-Effekt: Leute werden dadurch für sich selbst aufgewertet und entwickeln besseres Selbstwertgefühl, weil sie das Gefühl haben, sie sind für etwas da und können anderen helfen. Das ist selbstbestätigend.

72% der Befragten unserer Studie fühlen sich nun emotional stärker mit ihrem Hund verbunden. Glauben Sie, dass die Pandemie die Mensch-Tier-Beziehung auch langfristig beeinflusst?

Nestmann: Menschen, die schon länger Hunde haben, werden feststellen, dass sie jetzt noch enger an ihre Hunde gebunden sind. Ich kann mir vorstellen, dass es durch die Pandemie und die positiven Auswirkungen von Hunden zu einem Hundehype kommt und Hunde eine noch größere Bedeutung für viele Menschen erhalten. Das ist ja auch nicht schlecht, aber auf der anderen Seite auch riskant.

Den Haustierboom, den Sie ansprechen, beunruhigt auch viele Tierheime. Wieso ist er so riskant?

Nestmann: Auf der einen Seite ist es natürlich toll für Tierheimhunde, in eine gute Familie zu kommen. Oder endlich einen Menschen zu bekommen, der zu ihrem Partner und umgekehrt wird.

Aber es gibt die Gefahr der schnellen Funktionalisierung. Nach dem Motto: „Jetzt hol ich mir ein Tier und dann geht alles besser. Und wenn ich es nicht mehr brauche, gebe ich es wieder weg.” Diese Haltung gibt es in unserer Gesellschaft in Bezug auf vieles. Der Hund ist aber kein Gegenstand, sondern ein Lebewesen, das Bedürfnisse hat.

Viele Halter bestätigen das in unserer Umfrage. 43% von ihnen sagen, ihr Hund sei anhänglicher geworden. Was macht die Coronakrise eigentlich mit unseren Hunden?

Nestmann: Ich denke, dass Hunde es als sehr angenehm erleben, mit ihren Menschen zusammen zu sein. Es ist erwiesen, dass unsere heutigen Haushunde stärker am Menschen orientiert sind als an ihren Artgenossen. Hunde leben schon seit 40.000 Jahren gemeinsam mit dem Menschen. Natürlich sind die domestizierten Hunde heute begeistert, wenn sie mit ihren Menschen zusammen sind.

Es kann aber auch sein, dass es in Situationen wie einer Pandemie zu Konflikten und Stress in den Familien kommt, und dass Tiere wie Menschen dann häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Das ist allerdings sehr selten. Amerikanische Studien gehen davon aus, dass Tiermissbrauch in solchen allgemeinen Stresssituationen wie der Coronapandemie häufiger vorkommen kann.

Das ist unter Wamiz-Lesern sicherlich nicht der Fall. Im Gegenteil, 29% der Befragten haben sogar Sorgen vor dem Tag, an dem sie ihren Hund wieder mehr alleine lassen müssen. Wie schwer wird diese Umstellung für Hund und Halter?

Nestmann: „Ich kann mir vorstellen, dass ihnen das leid tut, dass sie solche Sorgen haben: Kümmere ich mich noch genug, wenn ich wieder weg bin?” Ich kann mir auch vorstellen, dass Hunde dann anfangen zu heulen. Dass es einen Unterschied macht, werden sicher beide erleben.